Große Aufregung heute Mittag in Düsseldorf-Flingern. Ein Autofahrer, der soeben aus dem Verkehr gewunken wurde, gibt plötzlich Gas und fährt davon. Für einen Moment wirkt die Szene angespannt, dann bleibt es routiniert: „Das kommt immer mal vor. Dann spielen wir unser Lied und fahren hinterher“, sagt Polizeihauptkommissar André Gorgs trocken und ein Polizeimotorrad setzt sich in Bewegung.
An der Ronsdorfer Straße hat die Polizei an diesem Donnerstag eine regelrechte Kontrollgasse aufgebaut. Dutzende Beamtinnen und Beamte, Streifenwagen, Motorräder mit Blaulicht, ein rollendes Labor und eine mobile Toilette säumen den Fahrbahnrand. Im Minutentakt werden Fahrzeuge angehalten. Fragen, Gleichgewichtsübungen, Pupillenkontrollen, Speichel- oder Urintests, der Ablauf ist präzise getaktet.
Hintergrund der Aktion ist ein Phänomen, das Ermittler zunehmend beschäftigt: Drogen am Steuer haben sich binnen weniger Jahre zu einem erheblichen Sicherheitsproblem entwickelt. Manche Fachleute stufen sie inzwischen als größere Gefahr ein als klassische Trunkenheitsfahrten. Mit der Teil-Legalisierung von Cannabis ist eine zusätzliche Herausforderung hinzugekommen. Der gesetzliche Grenzwert liegt bei 3,5 Nanogramm THC pro Milliliter Blutserum. Wer darüber liegt, muss in der Regel mit 500 Euro Bußgeld und einem Monat Fahrverbot rechnen.
Doch die Praxis ist komplizierter als die Paragrafen. „Kein Polizist und kein Arzt auf der Welt kann auf Anhieb sehen, wie viel jemand intus hat“, erklärt Gorgs, der die Fortbildung leitet. Bei einer Verkehrskontrolle lässt sich lediglich feststellen, ob ein Konsum stattgefunden hat, nicht aber, ob der Grenzwert überschritten wurde. Speicheltests weisen frischen Konsum nach, Urintests länger zurückliegende Einnahmen. Gewissheit bringt meist erst die Blutprobe. Deren Auswertung dauert allerdings Wochen. Für die Einsatzkräfte bedeutet das eine schwierige Abwägung: Reicht der Anfangsverdacht für eine Blutentnahme? Wird das Fahrzeug sichergestellt? Oder bleibt der Wert später unterhalb der Schwelle, mit der Folge, dass das Verfahren eingestellt wird? Anders als beim Alkohol existiert kein Schnelltest, der unmittelbar entlang des gesetzlichen Grenzwerts Rechtssicherheit schafft.
Organisiert wird der Kontrolltag vom Landesamt für Aus- und Fortbildung der NRW-Polizei. Eine Woche lang wurden Beamtinnen und Beamte aus dem ganzen Land geschult, drei Tage Theorie im Hörsaal, nun der Praxistest im dichten Stadtverkehr. „Wir gucken uns die körperlichen Reaktionen an“, sagt Gorgs. Gleichgewicht, Zeitempfinden, Gesichtsfarbe, Pupillenstand, Mundtrockenheit – aus einzelnen Indikatoren soll sich ein Gesamtbild ergeben. Gefragt ist zunehmend medizinisches und toxikologisches Wissen. Denn der Drogenmarkt verändert sich schneller als die Testverfahren. Substanzen wie Fentanyl, Ketamin oder Lachgas tauchen vermehrt auf, nicht alle lassen sich mit gängigen Vortests zuverlässig erfassen. Umso wichtiger sei das geschulte Auge der Beamten, so Gorgs.
Dass die Kontrolle an einem sonnigen Donnerstagmittag stattfindet, ist bewusst gewählt. Alkoholkontrollen konzentrieren sich traditionell auf Wochenendabende. Drogenkonsum im Straßenverkehr dagegen kennt keine festen Zeiten. „Es gibt Menschen, die unter Druck stehen und es für ihren Alltag benötigen“, sagt Gorgs. Einen klaren „Typus“ des Drogenfahrers gebe es ohnehin nicht. Zwar greifen statistisch häufiger jüngere Menschen zu Rauschmitteln, Männer öfter als Frauen. Doch unter den Kontrollierten finden sich ebenso Berufstätige mit hoher Verantwortung oder Menschen unter erheblichem Leistungsdruck. Stereotype helfen den Ermittlern wenig, entscheidend ist die Gesamtschau.
Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei in Nordrhein-Westfalen 17.780 Verstöße im Zusammenhang mit Drogen oder anderen berauschenden Mitteln im Straßenverkehr. Das entspricht einem Rückgang von knapp acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ob sich hier bereits Effekte der veränderten Gesetzeslage widerspiegeln oder andere Faktoren eine Rolle spielen, bleibt offen.
Der Großeinsatz zeigt: Die Polizei setzt im Kampf gegen Drogen am Steuer nicht nur auf Technik, sondern vor allem auf geschulten Blick, Erfahrung und konsequente Präsenz.





























